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Folge #238 · Haltung

Unkenrufe an der Bar

Fr., 12. Juli · Hosts: Roman Fritsches, Sören Janson

Die Baubranche steckt in einer Krise: Großprojekte wie der Elbtower pausieren oder werden abgebrochen, Wohnungsbau und Wärmewende stocken durch hohe Baukosten, Zinsen und fehlende Fördermittel. Roman und Sören sehen das Zukunftsfeld der TGA-Planung im Bestand — Sanierung und Umbau — und plädieren dafür, dass Planungsbüros enger kooperieren, statt sich um einen schrumpfenden Markt zu unterbieten.

Inhalt des Podcasts

Was bedeuten die Unkenrufe in der Baubranche?

Roman: Herzlich willkommen an der TGA-Bar. Sören, grüß dich.

Sören: Ich auch. Weißt du, ich habe ein Déjà-vu. Wir sitzen ja fast wieder bei feinstem Sonnenwetter in einer Hamburger Seelage, die Bahn kommt auch wieder vorbei. Wir sind in derselben Bahn quasi wie letzten Sommer.

Roman: Da haben wir mit Lars und mit Reinhard Gespräche aufgenommen. Das war sehr spannend. Dieses Jahr ist EM zur gleichen Zeit, und wir haben uns entschlossen: Wir sind nicht so eine billige Bar, die einen Fernseh-Hintergrund aufmacht. Wir haben heute ein spannendes Thema mitgebracht, das mit Fußball auch ein bisschen zu tun hat. Wir nennen die Folge Unkenrufe.

Sören: Unkenrufe bedeutet so etwas wie: Irgendwas ist im Anflug, irgendwas passiert.

Roman: Ich fange mit etwas Einfachem an. Ich habe auf einer Konferenz mitbekommen, dass die Stadt Wien jetzt den digitalen Bauantrag, also den BIM-Bauantrag, ermöglicht. Und ich fragte mich: Gab es nicht in Hamburg auch einen BIM-Bauantrag für ein großes Gebäude, das jetzt nicht weitergebaut wird?

Sören: Wo ein Automobilverleiher werbewirksam seine Werbung platziert hat.

Roman: Finanziert wurde es aus Wien, von einer Firma namens SIGNA. Und es geht nicht weiter. Wir sind beim Thema Unkenrufe und der Frage, was gerade in unserer Branche, in der Baubranche, passiert.

Welche Bauprojekte pausieren oder brechen weg?

Sören: Welche Veränderungen finden statt? Wir haben uns gefragt: Ist das so, oder laufen die kleinen Projekte eigentlich weiter und alles ist wie immer? Aber dem ist nicht mehr so. Dieses Gebäude steht sinnbildlich für das Thema Projektentwicklung — und für jedes TGA-Büro ist Projektentwicklung ein wichtiger Honorarfaktor, der auf einmal wegfällt.

Roman: Verschiedenste Regionen sind betroffen. Die TGA-Planer für dieses Gebäude kommen aus Frankfurt, weil das ein Hochhaus ist — und die Profis für Hochhäuser sitzen in Frankfurt. Da wird wahrscheinlich um Honorar gestritten, und vermutlich ist auch nicht bezahlt worden. Die Frage ist: Wo passiert das noch? Im Wohnungsbau haben wir das schon länger.

Sören: Wir merken an vielen Stellen, dass die Projekte nicht mehr so laufen wie in den letzten zehn Jahren, was Finanzierung und Entwicklung angeht. Auch wenn man dem Wohnungsbau mitunter eine gewisse Unattraktivität zuschreibt, ist er trotzdem ein festes Standbein, das ein Stück weit wegbricht — gerade in der Diskussion, dass wir Wohnungen brauchen.

Roman: Der Bedarf ist da, aber er wird nicht gedeckt, aufgrund von viel zu hohen Baukosten und zu hohen Zinsen. Gleiches gilt für dieses besondere Projekt. Ein Hochhaus in der Größe ist faktisch unwirtschaftlich — das wissen alle, die sich mit der Wirtschaftlichkeit von Gebäuden beschäftigen. In der Höhe kannst du nicht mehr effizient bauen.

Wie wirkt sich die Krise auf öffentliche Bauherren aus?

Roman: Das Wohnungsbauthema ist schon länger am Start. Aber ich erlebe auch bei öffentlichen Bauherren, dass Projekte pausieren. Das kannte ich früher nicht — dass man nach Vorentwurf und Entwurf einfach mal ein Jahr warten muss, weil es nicht weitergeht, weil Finanzierungen nicht stehen. Die einen sagten: Jetzt hat Russland die Ukraine angegriffen, wir wissen nicht, was mit den Energiepreisen ist, also investieren wir erst mal nicht. Das hat sich aufgelöst, aber die Entscheidung, ordentlich weiterzumachen, fällt nicht so schnell. Auch die öffentliche Hand bremst immer wieder Projekte. Die Frage ist, ob unsere ganze Branche gerade ein Problem bekommt.

Sören: Es läuft auf jeden Fall nicht mehr so geschmeidig wie in den letzten Jahren. Wenn man sich in gewissen Feldern eingenistet hat, führt das zur Frage: Wie geht man damit um? Muss ich mich verändern, oder ist das eine Phase, die hoffentlich schnell wieder vorbeigeht wie ein Schnupfen? Für mich selbst gesprochen: Ich kannte es nicht, dass es auf einmal nicht so weiterläuft und sich entwickelt.

Warum kommt die Wärmewende nicht in den Bau?

Roman: Von den Problemzonen zum attraktiven Neuen. Wir hatten das Thema Wärmewende, wo wir den Eindruck hatten, da passiert jetzt ganz viel mit Quartierskonzepten und Klimaschutzkonzepten, da wird in der Projektentwicklung etwas vorangetrieben von den Gemeinden. Das hat sich durch die Fördermittellandschaft gebremst — durch die Haushaltssperre, die fehlenden 60 Milliarden geht es da nicht weiter. Ich dachte, jetzt kommen wir aus der Konzeptphase in den Bau und bauen 85.000 Wärmepumpen deutschlandweit. Aber das GEG wurde in der Novelle zum Heizungsgesetz verschrien, und alle wollen jetzt doch wieder Gas und Öl. Die Profis sagen: Vielleicht warten wir erst mal ab, so dringend ist es gerade nicht, die Gaspreise sind wieder niedriger, warten wir noch ein, zwei Jahre, gucken, was die Politik bringt und ob es eine Förderung gibt. Auch da ist nicht die sofortige Wende oder der sofortige Boom.

Sören: Ich glaube, viele suchen im Moment für sich. Jeder hat sich sein Steckenpferd gesucht, und wenn er feststellt, dass das nicht mehr funktioniert, obwohl es zehn Jahre gut gelaufen ist, braucht man eine gewisse Zeit, sich neu zu sortieren.

Welche Geschäftsfelder bleiben für TGA-Planer?

Roman: Wo würdest du jetzt hinschauen? Ein bisschen Marktausblick. Wir haben festgestellt, das Thema Batteriespeicher ist bei vielen Gebäuden gerade eins. Die Frage ist, ob man daraus einen eigenen Markt machen kann.

Sören: Das sind Einzelthemen. Generell geht es um das Thema Speicherung, das zukünftig ein großes Thema wird.

Roman: Das ist nur eine Technologie, genauso wie Photovoltaik, wo spezialisierte Firmen Planung und Bau in einem anbieten. Da brauche ich keinen TGA-Planer und kein Büro, das das organisiert — das ist kein Markt, auf den wir uns einschießen können. Dann bleibt das Thema Sanieren und Umbau.

Sören: Die Frage, die sich daraus ergibt: Wird das, was in den letzten Jahren im Neubau stattgefunden hat, überhaupt so weitergehen oder wieder in der Form annehmen? Wird es irgendwann attraktiv sein, einen zweiten Elbtower zu bauen?

Roman: Ich glaube, das Thema Bestand wird in den nächsten Jahren die Richtung vorgeben. Wir reden viel über Wohnungsbau, aber wenn man sich umschaut, was an öffentlichen Bauten im Bestand da ist, das vergammelt und umgenutzt werden muss.

Ist serielles Sanieren ein Planungsthema?

Roman: Wie ist das beim Thema serielles Sanieren, über das alle sprechen? Ist das überhaupt ein Planungsthema, oder sind da am Ende ausführende Firmen am Start, die sagen: Ihr könnt ohne Planer mit der Standardlösung rechnen?

Sören: Wenn es die Standardlösung gäbe. Im Neubau gab es immer wieder Überlegungen: Kann ich nicht Schächte standardisieren und vorfertigen, wenn ich den Rohrbeleg von vornherein festlege? Das ist kein neues Thema. Es wäre aus meiner Sicht nötig, um die Sanierung groß voranzutreiben. Aber die gefühlte Antwort — ich lasse mich gerne von einem Experten eines Besseren belehren — ist, dass vieles noch im Pilotstatus ist, wie Beton aus dem 3D-Drucker. Dass das wirklich den Sanierungsstau im Bestand auflöst, daran wird noch gewerkelt. Das ist auch eine Megachance: Ich entwickle ein System für mich, wo ich meinen Puzzleteil liefere. Es hat vielleicht nicht die Attraktivität eines Elbtowers, aber ich habe ein System, das ich gut adaptieren und wiederholen kann.

Roman: Eine Sanierung ist für Planer schon erst mal eine ganz gute Möglichkeit, sich zu verdingen.

Wie verändert die Krise das Verhältnis unter Wettbewerbern?

Sören: Was bleibt dann noch? Auf das, was auf den Markt kommt, stürzen sich auf einmal deutlich mehr. Das führt zu anderen Herausforderungen, die wir in einer anderen Folge besprechen müssen — über Kompetenz in der Sanierung und über Preise.

Roman: Wie hoch ist der Umbauzuschlag? Bewerte ich die Bestandsaufnahme extra?

Sören: Und wird dann der beste Kumpel von der Bar, der freundlich Mitbewerber genannt wird, nicht doch um die übrig bleibenden Projekte unterbieten? Auf der einen Seite wollen wir mit der TGA-Bar das Zusammenwirken fördern. Aber wenn der Kuchen kleiner wird und sich gleich viele Leute darüber schneiden, könnte das Spannungen hervorrufen.

Roman: Das sind die Unkenrufe, die wir gerade hören. Ich merke persönlich, dass mir der Austausch zu Projekten mit den Kollegen an der Bar eher hilft. Man redet offener über die Honorierung von Leistungen, über besondere Leistungen. Das ist das, was wir mit Lars schon hatten: Wie wertvoll ist eine Bestandsaufnahme, wie kriege ich die argumentiert, wo hole ich meine Argumente heraus? Es hilft auch, gemeinsam auf einen Vertrag zu gucken, wenn man sich gemeinsam bewirbt.

Sören: Das setzt Transparenz und Miteinander voraus. Man teilt sich vielleicht sogar Kapazitäten. Auch wenn sich das Tätigkeitsfeld verschiebt, bietet das neue Möglichkeiten in der Kollaboration. Wir sind ein maßgeblicher Beteiligter: Bei der Sanierung ist die Gebäudehülle technisch schon fast am Maximum, aber alles, was Wärmeversorgung und Sanitärversorgung im Bestand angeht, ist ein Thema — da braucht jeder dritte Zuhörer nur in seine eigene Wohnung zu schauen.

Roman: Die Kompetenz ist notwendig. Ich hatte ein Projekt, wo flächendeckend eine Sprinkleranlage im Gebäude ist, und ich denke mir: Bei meinem nächsten Gebäude werde ich den Brandschutzplan so bearbeiten, dass wir keine Sprinkleranlage brauchen. Was das an Behinderungen für eine Umnutzung mit sich bringt, ist phänomenal.

Welche Treiber verändern die Branche künftig?

Sören: Die Unken sagen, die Branche wird es nicht unbedingt einfacher haben. Die Hoffnung, dass wir die Energiewende ordentlich voranbringen und ganz viel auf einmal kommt, ist nicht so richtig eingetreten.

Roman: Die Treiber kommen aus einer ganz anderen Richtung, die uns gar nicht so transparent ist: dass eine EU-Regulatorik mehr auf Firmen einwirkt, die dann handeln müssen — auch was die Finanzierung von Neubau angeht, wo Banken sagen: Wir finanzieren dich, aber du musst ein paar Kriterien erfüllen. Alles, was Nachhaltigkeit ist, ist das, wofür kein Weg mehr daran vorbeiführt. Wir müssen uns sogar eher um das S und das G [von ESG, Soziales und Governance] kümmern — das Ökologische läuft schon, aber das Soziale noch nicht.

Sören: Die Treiber sind sehr unterschiedlich und divers, aber wir stellen fest, dass Kooperation hilft. Gemeinsam über Projekte gucken — und keine Angst vor dem Bundeskartellamt. Mit 10.000 Planungsbüros in Deutschland müssen wir keine Angst haben.

Roman: Das sind genau die Themen, die wir behandeln: Was ist der neue heiße Scheiß auf der Planerseite, wo nicht jeder bei null anfangen muss? Nutzt das Netzwerk, das wir bieten.

Sören: Und die Standards und die Forschung.

Roman: Tauscht euch aus, damit man bei den Themen nicht bei null anfangen muss. Vielleicht machen wir eine kleine Marktumfrage im Barcamp.

Sören: Was ist ein Barcamp? Das lassen wir als Cliffhanger stehen und freuen uns, dass ihr bei der nächsten Folge wieder dranbleibt. Bis bald.

Häufige Fragen zu dieser Folge

Hohe Baukosten und hohe Zinsen machen Projekte unwirtschaftlich, Finanzierungen stehen nicht mehr. Im Wohnungsbau wird der Bedarf nicht gedeckt, Großprojekte wie ein Hamburger Hochhaus (finanziert von SIGNA aus Wien) werden gestoppt, und auch öffentliche Bauherren bremsen Projekte und lassen sie nach Vorentwurf und Entwurf teils ein Jahr ruhen.

Fördermittel fehlen wegen der Haushaltssperre und der fehlenden 60 Milliarden. Das GEG wurde in seiner Novelle als Heizungsgesetz verschrien, sodass viele wieder auf Gas und Öl setzen. Weil die Gaspreise wieder niedriger sind, warten viele Bauherren ab, was Politik und Förderung bringen, statt jetzt in Wärmepumpen zu investieren.

Vor allem Sanierung und Umbau im Bestand. Felder wie Batteriespeicher oder Photovoltaik werden von spezialisierten Firmen besetzt, die Planung und Bau in einem anbieten, und sind daher kein Markt für klassische TGA-Büros. Im Bestand bleiben Wärmeversorgung und Sanitärversorgung zentrale TGA-Themen, auch wenn Sanierung weniger attraktiv erscheint als ein Neubau-Großprojekt.

Eine echte durchgängige Standardlösung gibt es nach Einschätzung der Hosts noch nicht; vieles befindet sich im Pilotstatus. Wer ein eigenes, adaptierbares und wiederholbares System für seinen Planungsbeitrag entwickelt, kann darin eine Chance finden. Generell ist eine Sanierung für Planer eine gute Möglichkeit, sich zu verdingen.

Statt sich gegenseitig zu unterbieten, empfehlen die Hosts mehr Kooperation: offener über Honorierung und besondere Leistungen sprechen, gemeinsam Verträge prüfen, Bestandsaufnahmen argumentieren und Kapazitäten teilen. Bei rund 10.000 Planungsbüros in Deutschland sei dabei keine Angst vor dem Bundeskartellamt nötig.

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