In dieser Spezialfolge von der Messe ISH diskutieren sieben Barkeeper der tgabar, wie aus der losen Gemeinschaft mehr werden kann. Sie sprechen über die Themen ihrer Lounges — von Cradle-to-Cradle über Gebäudeautomation bis New Work — und wägen erstmals ab, ob die tgabar einen Verein gründen sollte, um als verlässlicher Partner und Einkaufsgemeinschaft aufzutreten.
Inhalt des Podcasts
Wer sind die sieben Barkeeper auf der ISH und was treibt sie beruflich um?
Roman: Moin und herzlich willkommen zum einzigen Podcast von der TGA-Bar. Es klingt hier wirklich wie in einer Bar — wir sind auf der Messe ISH, die Eingeborenen nennen sie liebevoll Interklo. Für mich ist das die aufregendste Aufnahme bisher: Wir sitzen zu siebt in einem Raum, alle Barkeeper der TGA-Bar, fast alle in T-Shirts mit unserem Logo. Wir haben unsere Systemgrenze verlassen — mein Lieblingswort als Planer: Das System ist mein Ingenieurbüro, die Grenze alles außerhalb davon. Mit der TGA-Bar haben wir diese Grenze verlassen und schon einiges erreicht: eine Zusammenarbeit mit der BIM-Allianz und großen Architekturbüros, eine Marketingkampagne mit 30 First-Movern, die zusammen 30.000 Euro investiert haben, und ein Mentoring-Programm für Projektleitende, das am 31. Juli startet. Lasst uns eine Vorstellungsrunde machen: Was beschäftigt euch beruflich gerade am stärksten? Thomas, fang an.
Thomas: Thomas hier, ich bin im Generalplanungsbüro PBR tätig. Mich beschäftigt das gemeinschaftliche Arbeiten zwischen den Beteiligten — Elektro, Mechanik, Gebäudeautomation, Architekten, Statiker — in Richtung IPA, integrierte Projektabwicklung. Da machen wir uns als Büro gerade fit. Dazu passt auch unsere Abstimmung mit der BIM-Allianz.
Mohamad: Hallo auch von meiner Seite. Mich beschäftigt das Thema BIM, dann Nachhaltigkeit — ein Buzzword, das man mit Inhalt füllen muss — und der Fachkräftemangel: Wie bewegen wir junge Leute dazu, TGA zu studieren, und wie transferieren wir Wissen?
Sven: Mein Name ist Sven, ich arbeite in einem größeren Ingenieurbüro. Ich mache gerade viel Coaching und sortiere die sperrigen C-Kunden aus, weil sie meine Mitarbeiter kirre machen. Wir konzentrieren uns lieber auf die A-Kunden. Es geht um Well-Being — die Zufriedenheit aller Beteiligten.
Claudius: Mein Name ist Claudius, ich darf die Lounge GA repräsentieren. Ich baue gerade eine Abteilung auf und beschäftige mich viel mit Standards und Softwarelösungen. Die GA ist beim Thema Software und BIM schlecht aufgestellt — BIM gibt es dort kaum, und wenn, dann händisch in zwei parallelen Systemen.
Sören: Jetzt stelle ich mich nach gefühlt 70 Folgen mal selbst vor. Mich treibt das Thema New Work um: Wie bauen wir unser Ingenieurbüro so um, dass es dem Arbeitsmarkt gerecht wird — Agilität, mobiles Arbeiten? Projektarbeit soll nicht von einem allwissenden Vorturner vorgegeben werden, sondern die Teams sollen befähigt werden, selbst die besten Entscheidungen zu treffen.
Lars: Mein Name ist Lars. Mich beschäftigt vor allem Circular Economy und Circular Engineering. Ich habe keine fertige Lösung für die TGA, aber die Zeit drängt, und wir tragen viel Verantwortung in der Bauindustrie. Wir müssen Projekte wirklich Cradle-to-Cradle aufziehen.
Wie kann die tgabar das Thema Cradle-to-Cradle voranbringen?
Lars: Die Systemgrenze zu verlassen hat meine Wahrnehmung verändert. Ich bin mit meinen Themen nicht mehr allein im Büro, man kann immer jemanden fragen und bekommt sofort eine gute Antwort. Zu Cradle-to-Cradle haben wir bereits eine Happy Hour gemacht; vier, fünf Leute wollen sich damit beschäftigen, daraus wird eine Lounge. Durch Schwarmwissen entwickelt man sehr schnell nachhaltige Ideen — alleine bräuchte man dafür fünf Jahre.
Roman: Wir haben mit Claudia Döring schon Dokumente zu kreislaufgerechten Produktlisten ausgetauscht. In meinem Büro haben wir jetzt endlich ein kreislaufgerechtes BIM-Projekt — die letzten zwei kreislaufgerechten Projekte waren keine BIM-Projekte, was Quatsch ist: Ohne durchgehendes Informationsmodell hast du Excel-Disketten für die Tonne. Ich habe keinen Bedarf, mich da als singulärer Player zu platzieren, ich teile das Wissen gern, denn eine echte Datenbank und Lebenszyklusanalyse für TGA-Produkte gibt es bisher nicht.
Thomas: Ich würde noch früher anfangen — nicht bei der Lebenszyklusanalyse, sondern bei den Beteiligten, die man erst motivieren muss, das spannend zu finden. Bei uns muss das Verständnis oft erst geweckt werden, etwa dass die Produktpalette eingeschränkt sein kann, wenn man Cradle-to-Cradle denkt.
Roman: Ein Lebenszyklusberater müsste die Lebenszykluskosten eines Gebäudes sammeln, ähnlich wie ein Energieberater den Primärenergiebedarf. Die Profis, die Lebenszyklusanalysen machen, schlagen für die TGA pauschal nur fünf Prozent auf den Beton auf — dabei macht allein der laufende Betrieb die Hälfte des CO2-Fußabdrucks eines Gebäudes aus.
Mohamad: Bei uns im Büro haben wir den Bereich Nachhaltigkeit aufgebaut und festgestellt, dass das Interesse groß ist — das Team Nachhaltigkeit kam auf uns zu und will es detailliert berücksichtigen, nicht nur mit Zu- und Abschlägen. Es gibt einen erkennbaren Wandel, und der betrifft nicht nur die TGA, sondern alle Gewerke.
Was kann die Lounge digital und agil für die Bürokultur leisten?
Sören: In der Lounge digital und agil wollen wir Methodiken und Techniken zeigen, die jeder ins eigene Büro tragen und zum eigenen Standard entwickeln kann. Wir wollen Handwerkszeug geben, um ein Ingenieurbüro voranzubringen — von der Metaebene runter zu praktischen Beispielen. Das ist auch die Initiative hinter dem Mentoring-Programm: weg vom Sprung ins kalte Wasser, hin zu solider Projektorganisation.
Roman: Wir haben für das Programm definiert, dass es für ein stabiles Büro etwa sechs Themen gibt, in denen man Reifegrade messen kann. Das Gleiche könnte man für den agilen Teil machen: Wie agil ist ein Ingenieurbüro? Wenn man das per Fragebogen bei den Kollegen abfragt und sich alle selbst bewerten, kommen überraschende Ergebnisse heraus — das stellen wir gerade bei den Teilnehmern fest.
Sören: Man denkt oft, man sei weiter, als man ist. Wenn man fragt, was jemand mit einer Projektmanagement-Software macht, heißt es: chatten und telefonieren. Das sind fünf Prozent der Möglichkeiten. Man könnte sich viel besser selbst organisieren. Darüber kann man gar nicht genug reden.
Was will die Lounge Gebäudeautomation erreichen?
Claudius: Wir treffen uns im 14-tägigen Rhythmus, tauschen Informationen aus und arbeiten an Standards. Wir bauen eine standardisierte Leistungsbeschreibung auf, gehen ins Thema Funktionsbeschreibung und wollen eine einheitliche Bibliothek schaffen, auf die alle Mitglieder Zugriff bekommen. Jeder gibt neue Anlagen und Funktionen in die Datenbasis ein, alle profitieren. Wir müssen disruptiver und schneller werden — wir sind gut im Normenschreiben, aber schlecht im Normen-Umsetzen. Als Lounge oder Bar können wir besser an Hersteller herantreten als jeder Einzelne, etwa mit einem gemeinsamen Lastenheft für Software-Anforderungen.
Roman: Ihr habt eine sehr fleißige Lounge und erarbeitet richtig Masse. Die Frage ist, wie wir diese Arbeit teilen und belohnen — und wie wir sicherstellen, dass Leute nicht nur Wissen mitnehmen, sondern sich auch einbringen. Wir haben über ein Stundenbudget nachgedacht und darüber, einen Verein daraus zu machen.
Claudius: Hemmungen habe ich keine. Wir haben sehr aktive Mitglieder, konstant vier bis fünf Leute, Tendenz wachsend. Bei uns wird niemand zur Arbeit gezwungen wie in manchen großen Vereinen — die Leute machen freiwillig und gern mit. Veröffentlichen werden wir die Standards, aber erst, wenn sie marktreif sind.
Sollte die tgabar einen Verein gründen — und welche Bedenken gibt es?
Roman: Aus den Lounges und aus dem Kontakt zur BIM-Allianz ist der Wunsch entstanden, mehr aus der Bar zu machen. Die Allianz sagt sinngemäß: Ihr seid kompetent, aber ihr seid halt an der Bar — wir brauchen einen verlässlichen Partner und einen Ansprechpartner.
Mohamad: Es ging um Arbeit auf Augenhöhe. Jemand von der BIM-Allianz sagte: Ich spreche mit zehn TGA-Büros, ich hätte gern die TGA-Bar als einen Ansprechpartner — so wie die Allianz spiegelbildlich aus 72 Architekturbüros besteht. Da wäre ein Verein etwas Tolles.
Lars: Mein Bedenken: Ein Verein klingt verstaubter als die coole, lose TGA-Bar — Gefahr Richtung deutscher Laubenpieperverein, und der Formalismus könnte Überhand gewinnen. Der Spirit ist ja, dass wir uns lose und ohne Zwang treffen. Andererseits haben große Allianzen wie die BIM-Allianz das Compliance-Thema gelöst.
Sören: Ich sehe es als Ritterschlag, dass wir überhaupt in diese Position kommen. Meine größte Sorge ist, dass es davongaloppiert — zu schnell zu groß wird und den Charakter der jungen Wilden verliert. Andererseits verteilt es Wissen und Doing auf viele Köpfe, das ist eine riesige Chance.
Claudius: Verein ist der letzte Begriff, den man mit disruptivem Arbeiten verbindet. Wir müssten einen Wasserkopf aufbauen, alles formell organisieren — Sitzungen einberufen, Quoren für Abstimmungen. Das wird uns hemmen. Andererseits: Wenn man politisch nach außen aktiv sein will, ist man als Verein oder Interessengemeinschaft stärker als fünf einzelne Büros.
Sven: Auch die Compliance-Themen im Vereinsrecht beschäftigen mich. Vor allem ist mir ein Verein zu altbacken — Vorstand, Abstimmungen, Mitglieder, alles langsam. Du bist der Treiber, Primus inter pares. Ich fühle mich auf Augenhöhe abgeholt und will diese Struktur eigentlich gar nicht. Mir ist aber klar: Wenn wir wachsen wollen, müssen wir etwas ändern.
Mohamad: Bei einer Vereinssatzung müssen wir uns vielleicht x-mal im Jahr treffen, um ihr gerecht zu werden. Und was definieren wir als Gemeinnutz? Müssen alle dem Verein beitreten, um an den Happy Hours teilzunehmen, oder darf man weiter externe Leute einladen?
Thomas: Ich will nicht über Bedenken reden, sondern über Vorteile. Wir haben viel Potenzial, Leute aus der Reserve zu locken. Und ein Ziel war ja, dass die Kollegen aufhören, Dumping-Angebote zu machen und BIM für lau anzubieten. Wenn wir einen Standard definieren, der seinen Preis hat, und ein Commitment zur Gruppe schaffen, ist das eine Chance.
Roman: Bei der Rechtsform ist vieles denkbar — Verein, GbR oder gGmbH, wobei man bei der gGmbH für jedes neue Mitglied zum Notar müsste. Als Einkaufsgemeinschaft hätten wir große Vorteile: Wenn 300 oder 500 Büros gemeinsam auf Autodesk zugehen und über 5.000 Revit-Lizenzen verhandeln, ist das eine ganz andere Position. Genauso könnten wir gemeinsam auf den Beuth-Verlag, den VDI oder die AHO zugehen, um Normen für alle Mitglieder zugänglich zu machen. Die Vorteile sind unermesslich — die Frage ist nur, wie wir die Bedenken ausräumen und es nicht so altbacken machen, wie das deutsche Vereinswesen erscheint. Vielen Dank für die Runde — wir haben die Systemgrenze verlassen, eine Gemeinschaft gebildet, und ich bin froh, dass ihr da seid.
Häufige Fragen zu dieser Folge
Aus den Lounges und aus dem Kontakt zur BIM-Allianz entstand der Wunsch, mehr aus der losen Gemeinschaft zu machen. Externe Partner wünschen sich einen verlässlichen, festen Ansprechpartner statt vieler einzelner Büros, und als Verein könnte die tgabar nach außen politisch stärker auftreten und als Einkaufsgemeinschaft günstigere Konditionen aushandeln.
Die Barkeeper fürchten, ein Verein wirke verstaubt und altbacken, bringe Formalismus, Wasserkopf und langsame Strukturen mit Vorstand und Abstimmungsquoren, könnte den lockeren Charakter der Bar zerstören und zu schnell zu groß werden. Offen sind außerdem Compliance-Fragen der größeren Büros und die Definition des Gemeinnutzes in der Satzung.
Mit mehreren hundert Büros könnte sie gegenüber Software-Herstellern wie Autodesk deutlich bessere Lizenzpreise verhandeln und gemeinsam mit Normengebern wie Beuth-Verlag, VDI oder AHO einen kollektiven Zugang zu Normen erreichen. Zudem könnten gemeinsam erstellte Marketingmaterialien von jedem Mitgliedsbüro genutzt werden.
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