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Folge #328 · Netzwerk

LinkedIn und Influencer

Fr., 11. Juli · Hosts: Roman Fritsches · Gast: Nele Otto, Lars Schumacher

In dieser Folge sprechen Roman Fritsches und seine Gäste Nele Otto und Lars Schumacher über LinkedIn als Netzwerk für Gleichgesinnte rund um Nachhaltigkeit und zirkuläres Bauen. Sie diskutieren, wie man aus der eigenen Bubble herauskommt, mit der „False Balance" scheinbarer Zustimmung umgeht und über echten Perspektivwechsel andere Sichtweisen versteht.

Inhalt des Podcasts

Wer sitzt heute an der TGA-Bar und warum geht es um LinkedIn?

Roman: Herzlich willkommen an der TGA-Bar. Unsere heutige Folge geht um LinkedIn. Wir sind heute zu dritt an der Bar — Sören ist mal wieder auf dem Festival, er kommt später wieder. Herzlich willkommen, Nele. Herzlich willkommen, Lars. Drei Influencer in einem Raum. Ihr hört an den leichten Regengeräuschen im Hintergrund, dass wir in Hamburg sind. Diese Folge heißt LinkedIn — oder wie Freunde von mir immer sagen: „LinkedIn". Wir sind Fans. Nele, willst du kurz sagen, warum du Fan bist und was du machst?

Nele: Gerne. Mein Name ist Nele Otto, ich bin Architektin. Ich arbeite in einem Ingenieurbüro, das sich auf Kraftwerks- und Energieerzeugungsanlagen spezialisiert hat. Ich bin relativ aktiv bei LinkedIn, weil ich das Thema Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung für mich entdeckt habe und da ein bisschen meine journalistische Ader austobe. Und ich bin immer auf der Suche nach Gleichgesinnten — unter anderem dem Lars.

Lars: Genau, ich bin gleichgesinnt. Dass ich überhaupt mal Influencer genannt werde, ist schon eine große Ehre. Ich bin auch großer LinkedIn-Fan. Das ist mit den Jahren gewachsen, weil ich dadurch wahnsinnig viele Marktinformationen abgreifen und mich auch einbringen kann. Es tut gut zu wissen, dass man mit Themen wie Nachhaltigkeit und zirkulärem Bauen nicht alleine ist. Das stärkt mich und bringt mich immer wieder in die Motivation, den Tag gut zu machen.

Wie kommt man auf LinkedIn aus seiner eigenen Bubble heraus?

Roman: Das heißt, ein bisschen Austausch in einer kleinen Bubble, die man sich sucht — nicht regional und nicht nur im eigenen Unternehmen.

Nele: Absolut. Das Thema Bubble ist für mich in letzter Zeit nicht mehr so cool, weil man auch mal raus aus seiner Bubble will. Aber um den Einstieg zu finden und für sich festzustellen, was überhaupt mein Thema ist und wo meine Bubble ist, ist LinkedIn ein richtig guter Platz. Man muss nur aufpassen, dass man nicht zu sehr in seiner kleinen Welt gefangen ist.

Roman: Ich habe festgestellt, dass es irgendwann eine Grenze erreicht. Du hast einen bestimmten Kreis an Followern gebildet, und der wird dann nicht mehr richtig größer. Ich sehe teilweise Leute mit 30.000 oder 40.000 Followern — das sind meist Leute, die international aktiv sind. Ich habe einen Hausmeister aus England gesehen mit 12.000 Followern, der lustige Sachen über seinen Grill schreibt. Aber in Deutschland ist es schon komplizierter, so viele aufzubauen.

Nele: Wobei ich gehört habe, dass der deutschsprachige Raum groß ist. Selbst wir als deutschsprachige Influencer könnten da noch richtig viel Reichweite generieren. Es kommt auf das Thema an und wie viele Menschen man damit ansprechen kann.

Roman: Dein Thema ist zirkulär und Nachhaltigkeit. Lars, das ist deins auch — dein CO2-Messgerät ist inzwischen deutschlandweit bekannt.

Lars: Und auch die Raum-Innen-Qualität ist mein Thema. Ich merke leider immer noch: Wenn ich das Gerät rausziehe, weiß niemand, was diese Zahlen bedeuten. Dadurch, dass man das auch postet, kriegt man die Wahrnehmung besser hin. Wir haben hier gerade 420 ppm, mit Fenster auf.

Roman: 420 — geboren bist du bei 349 oder 358, jetzt sind wir bei 420. Alle, die sich auskennen, wissen, dass wir mindestens zehn Prozent mehr CO2 in der Atmosphäre haben als vor knapp 50 Jahren.

Lars: Das Thema CO2 belastet uns also zweifach: einmal atmosphärisch insgesamt, aber auch im Innenraum. Aber um auf LinkedIn zurückzukommen: Es gibt einem einen hervorragenden Raum, seinesgleichen zu finden — und, wie du sagst, Nele, auch mal aus der Bubble rauszukommen. Vielleicht habt ihr ja Tipps, wie man die Bubble überschreitet. Es ist immer interessant, diejenigen kennenzulernen, die eine andere Meinung haben, und mit denen in den Austausch zu gehen.

Roman: Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass man Beiträge außerhalb der eigenen Bubble bewertet oder kommentiert.

Nele: Es hat viel mit Interaktion zu tun. Du kannst nicht nur selbst posten, du musst auch mit deiner Community interagieren. Und um aus der Bubble rauszukommen, ist es wichtig, erst zu gucken, was deine Zielgruppe außerhalb deiner Bubble sein könnte, und aktiv auf die Suche zu gehen. Von alleine bricht die nicht auf.

Was ist die „False Balance" auf LinkedIn?

Lars: Ich merke, dass sehr viel Zustimmung da ist. Das bestärkt einen im Alltag, bildet aber lange nicht die Realität ab. Das ist dann eine False Balance.

Roman: Du meinst, du hast das Gefühl, ganz viele tauschen sich mit dir aus, aber in der Realität sind die gar nicht da, sondern nur bei LinkedIn?

Lars: Genau. False Balance meint, dass suggeriert wird, wahnsinnig viele würden eine Meinung vertreten. Es sind aber vielleicht nur deine drei Buddies bei LinkedIn, die immer schön liken, was du sagst. In Wirklichkeit kennen sich lange nicht so viele Leute mit zirkulären, kreislauffähigen Produkten aus oder befürworten Nachhaltigkeit. Das ist diese gefährliche Zustimmung, die man zu haben glaubt, die aber gar nicht da ist.

Roman: Die dann doch nur von zehn Leuten kommt. Wenn man einen Beitrag schreibt und die zehn, mit denen man sowieso spricht, das liken, ist das nicht der Austritt aus der Bubble.

Nele: Man muss auch berücksichtigen, dass LinkedIn ein bisschen diese privilegierte Business-Welt abdeckt. Das ist immer nur ein Kratzen an der Oberfläche. Da sind die Leute, die dich sowieso unterstützen — die hörst du, den Rest bekommst du vielleicht gar nicht so richtig mit.

Wie kommt man mit Menschen anderer Meinung ins Gespräch?

Roman: Hattest du schon mal einen grenzüberschreitenden Austausch — eine Veranstaltung oder Plattform, wo du Leute kennengelernt hast, die dich da rausbringen?

Nele: Ich hatte das Glück, Anfang der Woche bei einem Event zu sein, das nennt sich „Die Zuversichtlichen". Da sind wirklich aus allen Branchen und Ecken Deutschlands Menschen mit ganz unterschiedlichen Professionen zusammengekommen, die zuversichtlich und optimistisch in die Zukunft gucken. Von Autorinnen über Politikerinnen bis hin zu Handwerkerinnen. Aber auch da muss man sagen: Es waren alles Optimisten — also wieder eine Bubble, eine andere als meine Architekturbubble, aber immer noch eine in sich geschlossene Bubble.

Roman: Witzig, aber ein anderes Thema — nicht fachlich eingeschränkt, sondern eher über die Persönlichkeit.

Nele: Das mache ich ab und zu gerne, einfach mal über den Architektur-Tellerrand hinausgucken.

Roman: Wie heißt das so schön? Ambiguitätstoleranz — unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen. Mein Lieblingsfremdwort. Ich habe gerade einen Artikel in der TAZ Futur Zwei gelesen. In der Deutschen Bahn kann man digital Magazine lesen, die man sonst vielleicht nicht kauft. Darin stand ein Interview mit Richard David Precht, den ich überhaupt nicht mag. Beim Lesen hatte ich die ganze Zeit Widerstand — „Was hältst du da für einen Quatsch?". Er ist garantiert kein Optimist, das Gegenteil. Er sagte, es sei eh zu spät, wir könnten die Welt nicht mehr retten. Seine Vermutung: Die Politik gebe jetzt fünf Prozent für Krieg aus und stelle Russland als Bösewicht dar, um vom Versagen im Klimawandel abzulenken; auch Habeck habe versagt, und keiner könne das Problem mehr lösen. Eine echt harte Meinung. Ich habe mich schwergetan, das zu Ende zu lesen, weil es so außerhalb meiner Sichtweise ist. Macht ihr das auch ab und zu? Ich mache es nicht oft.

Nele: Ich auch ganz selten. Ich bin ein positiver Mensch, und bei negativen Schlagzeilen und Hasskommentaren werde ich nur wütend. Aber ab und zu sage ich mir: Du kannst nicht nur in deiner rosaroten Welt leben, du musst dich auch mal damit beschäftigen, was draußen vor sich geht. Dann schaue ich mir solche Artikel an — aber ohne damit zu interagieren oder in den Kommentarspalten aufzuräumen. Ich konsumiere das, aber mehr auch nicht.

Lars: LinkedIn ist, wie ich es wahrnehme, zu 90 Prozent eher Zuspruch und weniger Kritik an dem, was man postet. Ich spüre, wo die Pain-Points in der LinkedIn-Gemeinde sind. Wenn ich etwas über Elektromobilität poste, hast du immer ein paar Personen, die sagen: „Verbrennungsauto, brumm brumm, ist ganz toll." Zuerst dachte ich wie du, Nele: wegklicken. Aber ich finde es interessant, weil ich die Argumentation der anderen Seite verstehen möchte. Das tut manchmal seelisch weh, was da geschrieben wird, aber ich versuche immer, in einer neutralen Weise zu antworten.

Nele: Man braucht das auch. Man muss diese Perspektiven verstehen können, und das geht nur, wenn man sie sich anhört.

Was hat Perspektivwechsel mit Verhandlungsführung zu tun?

Roman: Ich hatte mit Ronny, der beim Büro Döring arbeitet, einen engen Draht, weil wir am Anfang für das Thema Nachwuchsgewinnung an der TGA-Bar viel gemacht haben. Dann ist er aus Kapazitätsgründen aus dem Thema rausgerutscht. Mir ist aufgefallen, dass er bei LinkedIn meine Sachen sehr kritisch kommentiert und stark hinterfragt hat. Ich war erst genervt — „Was will der von mir?" Dann ist mir aufgefallen, dass er das immer macht: Bei einer sehr einseitig gefärbten Nachricht nimmt er immer die Gegenposition ein, um sie zu relativieren und in Frage zu stellen. Mittlerweile habe ich verstanden, dass das sein Grundprinzip ist: Versuch doch mal, den anderen zu verstehen, statt immer nur deine eigene Position reinzuwerfen.

Ich habe gerade ein Buch dazu gelesen: „Never Split the Difference", ein Verhandlungsleitfaden vom ehemaligen Chief Negotiator des FBI. Wenn jemand etwas über Verhandlungen lernen möchte, ist das Gold wert. Das FBI hat früher Geiselnahmen mit viel Gewalt gelöst: viele bewaffnete Leute reinschicken, drohen, Druck machen, bis die Geiselnehmer aufgeben — und aufgeben hieß damals oft, die Geiseln erschießen zu lassen. Daraus entstand der Gedanke „Never Split the Difference": Ich kann nicht sagen, erschieß zwei Geiseln, ich nehme die anderen zwei — ich muss immer gewinnen.

Über Jahrzehnte wurde ein System aufgebaut, das darauf basiert, erst nur zuzuhören und die andere Seite zu spiegeln. Sich ernsthaft darauf einzulassen, in welcher Position die andere Seite ist und warum sie diese Verhandlungsposition eingenommen hat. Dann versucht man, einen Perspektivwechsel einzuleiten, indem man gute Fragen stellt — er nennt das „Calibrated Questions". Ich habe letztens einen sehr anstrengenden Verhandlungspartner gefragt: „Was würden Sie an meiner Stelle tun?" Da war plötzlich die Fassade weg, er war zehn Sekunden sprachlos. Es geht überhaupt nicht darum, immer nur seine eigene Welt zu reproduzieren, sondern darum, wirklich in die andere Welt einzutauchen, bis man sie emotional erkannt hat — und dann zu sagen: Moment, es gibt doch noch andere Sichtweisen. Das auf LinkedIn zu schaffen, ist wahrscheinlich eine große Herausforderung, aber man kann es probieren.

Lars: Was ich wichtig finde: Wenn ein Kommentarstrang zu einem interessanten Thema langsam anfängt, liest man durch diesen Schwarm Aspekte, die man selbst so nicht gedacht hätte. Manchmal sind sie um die Ecke gedacht, aber gar nicht so unmöglich. Das finde ich sehr anregend an diesem Medium — man wird gezwungen, und im Laufe des Tages, wenn die Kommentare mehr werden, kommen neue Aspekte rein. Da nehme ich immer was für mich mit.

Wer sind eure Lieblings-Influencer auf LinkedIn?

Roman: Zum Abschluss die Frage: Was ist euer Lieblings-Influencer bei LinkedIn? Lars, willst du anfangen — wer hat die interessantesten Beiträge, die du gerne liest?

Lars: Im Moment ist es eine Professorin, die mit Vornamen Jasmin heißt, die über KI lehrt und gerade ein Sabbatical nimmt. Sie bringt mich beim Thema KI auf das nächste Level — das interessiert mich sehr, und sie macht es sehr fundiert. Ich höre ihr gerne zu beziehungsweise lese gerne, was sie macht. Das ist mein Favorit im Moment.

Nele: Ich muss überlegen, weil ich super vielen spannenden Charakteren folge — es kommt darauf an, welches Thema mich gerade beschäftigt. Aber ich habe eine Dr. Julia Wolf immer wieder in meiner Timeline. Sie hat einen LinkedIn-Newsletter namens „Energiewende Weekly". Das Thema Energietechnik vereint uns hier ja auch, und sie bringt sehr aktuell und on point die Sachen, die uns gerade beschäftigen.

Roman: Bei mir ist es Tim Meyer, mit dem ich 2006 in der gleichen Firma gearbeitet habe — bei Conergy. Ich als Praktikant, er schon als Abteilungsleiter. Ich merke, wie seine Entwicklung jetzt mit seinem Buch richtig Fahrt aufnimmt, in dem er über Strom geschrieben hat. Er ist der Strommarktexperte und räumt mit den Missverständnissen und Vereinfachungen dieses wahnsinnig komplexen Marktes auf.

Nele: Liegt schon auf dem Nachttisch bei mir.

Roman: Da bin ich gespannt, ob du berichten kannst, wie du es fandest. Tolle Runde, vielen Dank. Wir kennen uns über LinkedIn, und deswegen sitzen wir auch hier. Ich freue mich über die weiteren Folgen mit euch. Tschüss.

Häufige Fragen zu dieser Folge

False Balance bezeichnet die scheinbare Zustimmung, die suggeriert, wahnsinnig viele Menschen würden eine Meinung teilen, obwohl es in Wirklichkeit nur wenige enge Kontakte sind, die regelmäßig liken. Die gefühlte breite Zustimmung bildet die Realität nicht ab.

Indem man nicht nur selbst postet, sondern aktiv interagiert, Beiträge außerhalb der eigenen Bubble kommentiert und bewertet und gezielt überlegt, welche Zielgruppe außerhalb der eigenen Blase relevant ist. Von alleine bricht die Bubble nicht auf.

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